Die Geste

Ich wusste nicht, ob er Interesse an mir hatte. Er suchte keinen Körperkontakt, schaute mich nicht oft an und er schien auch nicht nervös, wenn er nach drei Gläsern Wein entschied, dass es besser sei, bei mir zu übernachten. Seine Zurückweisung war vage, unscharf und vielleicht auch nur eingebildet. Er redete viel, das schon. Von Niklas Luhmann, Max Weber, Jürgen Habermas und der Wertethik. Ich verstand überhaupt nichts, schämte mich, tat aber so, als könnte ich ihm folgen. Ich war mir nie sicher, ob er mich beeindrucken wollte oder ob er mich nur als Spiegel für seine eigene Brillanz benutzte. Sein Gerede interessierte mich nicht und die Hälfte der Zeit hörte ich sowieso nicht richtig zu. Ob er das merkte, weiß ich nicht. Er hatte, wie so viele Menschen, die Fähigkeit, keinen ernsthaften Dialog mit seinem Gegenüber zu suchen, sondern es schien so, als verstünde er unsere Treffen als einseitige Interviews. Es reichte ihm, seinen Redeschwall, der sich nach wochenlanger Quarantäne umso mehr angestaut hatte, schwungvoll über mich zu ergießen. Ich war die Besucherin der Ausstellung, die seinen Namen trug und er kam nur, um die Distanz aufrechtzuerhalten. Und mir gefiel das.

Gut, manchmal machte er auch selbstironische Witze, in denen er sich einen spießigen Bildungsbürger oder neidischen Selbstüberschätzer nannte. Von einem Moment auf den anderen konnte er die Tonart des Gesprächs wechseln und den breiten bayerischen Dialekt eines gemeinsamen Studienfreundes so gut imitieren, dass ich mich auf dem Boden kugelte vor Lachen. Ja, natürlich tat es weh und glich einem Selbstverrat, dass ich fast nie meine Gedanken äußerte und die wenigen Male, die ich es tat, kamen mir meine Worte unwürdig und dumm vor und ich bereute sie sofort. Er hütete seine Aufmerksamkeit streng und verschenkte sie nur in kleinen Dosen und ich bat nie um mehr als das, was er zu geben bereit war. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass auch ich keinen echten Kontakt suchte, oder zumindest nicht mehr, sondern dass ich ihn besitzen wollte, so wie man einen Nobelpreis besitzt, um die eigene intellektuelle Größe zu beweisen.

Eines Abends als wir zusammen aßen, beobachtete ich ihn beim Reden, als er gerade über den Unterschied zwischen der Strukturtheorie und der Handlungstheorie von Weber und Durkheim dozierte. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie er seine schmalen Lippen spitze und ein U formte, wenn er eine Pause von seinem Monolog machte und nach einem passenden Wort suchte. Es war ein zartes U, langsam, fast schüchtern, der Mund schien auf halbem Weg zu einem Kuss, gebremst und unsicher. Er strahlte dabei eine große Ruhe aus und wirkte so fragil und verletzlich, dass er mich rührte. Nach dem kurzen Moment des Innehaltens sprach er mit einem leisen „Und“ weiter, und je weiter der Abend fortschritt, desto häufiger wiederholte sich dieser flüchtige Tanz um seine Lippen.

Später hatten wir Sex. Nach mehr als einem halben Jahr Besuche bei mir oder bei ihm war der Unnahbare plötzlich so unbeholfen, unwissend und unsicher, dass mir sein ganzes intellektuelles Geschwätz des Abends umso lächerlicher erschien. Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns mit einem beschämten Grundschülerkuss und ich war sicher, dass es sich nicht wiederholen würde.

Er schickte mir weiterhin Nachrichten, in denen er über Wissenschaftstheorie philosophierte, als wäre nie etwas zwischen uns passiert. Nach den Monaten der Quarantäne verloren wir uns aus den Augen und ich vermisste ihn nicht. Aber seine zarteste und verführerischste Eigenheit bewahrte ich mir. Jetzt achte ich darauf, mich beim Reden regelmäßig zu unterbrechen, geduldig innezuhalten und forme dann mit den Lippen ein schüchternes U.