Die Regenmacherin

Es hatte schon monatelang nicht mehr geregnet. Der Sand trug den Geruch von Hitze, Trockenheit und Verzweiflung. Jeder Schritt staubte und die aufgewirbelten Sandkörner scheuerten die schwitzenden Füße auf. Um diese Uhrzeit war es unmöglich Schatten zu finden. Ich hätte mich gerne ausgeruht, doch ich musste mich beeilen. Die Toten mussten schnell unter die Erde, damit die einsetzende Verwesung keine Krankheiten im Dorf auslöste. Ich hörte die Klagerufe der Menschen schon von Weitem. Sie war eine so weise gutmütige Frau gewesen, und alle hatten die Hoffnung darin gesetzt, dass sie wüsste, wie der ausbleibende Regen wieder hervorgerufen werden könnte. Die Menschen litten unter der Angst um ihre Ernte. Der Fluss nahe des Dorfes war zu einem winzigen Rinnsal geschrumpft, sie hatten viel von ihrem Vieh schlachten müssen, damit das Wasser für die übrigen reichte. Jetzt schrien und weinten die Menschen um die Alte und um ihre eigene aussichtslose Lage. Ein kleines Mädchen kam zu mir gerannt, noch bevor ich mit jemandem sprechen konnte. Ganz außer Atem erklärte sie: „Sie hat seit Tagen nichts gegessen und getrunken. Sie hat gelächelt und gesagt, wir sollten uns keine Sorgen machen, bis zum Schluss.“

Ich reihte mich in die Menge ein und sah die Alte friedlich, aber dünn und mit aufgesprengten Lippen aufgebahrt. Die Menschen trugen den leblosen Körper aufs Feld und beerdigten ihn. Es wurden Steine aufs Grab gelegt und es wurde still in der Wüste. Niemand hatte bemerkt, wie sich die Wolken zusammenzogen. Doch kaum hatte die Zeremonie geendet, fiel zögerlich ein erster Regentropfen auf die erstaunten Köpfe. Schwere dunkle Wolkengebilde hingen am Himmel und öffneten allmählich ihre Poren. Der Wüstensand wurde von den bleiernen Wasserkugeln aufgewirbelt und bald tanzten die Sandkörner auf dem Boden, verwandelten sich in kleine Inseln zwischen riesigen Wasserlachen. Die vergnügten Schreie der Menschen konnte man unter dem prasselnden Lachen der Alten nur gedämpft hören.