Schutzlos

Wir hatten uns lange im Bett gewälzt. Die Luft hatte unser Keuchen aufgesogen und die Wärme hing noch in allen Ecken. Wir waren haltlos in unserer Beklemmung und trieben in einer bewussten Ahnungslosigkeit vor uns hin. Ich lachte viel. Ich wäre gern gelöster gewesen, als ich es tatsächlich war. Es hätte sich nach Normalität anfühlen sollen, nach einer neuen, nach unserer Normalität, als du da standest, nackt über den Herd gebeugt und dein Gemächt vor der heißen Glasscheibe baumelte. Aber ich habe mit großem Unbehagen zugesehen. Zuerst von hinten, den Blick auf deinen Hintern gerichtet, dann von der Seite, jede Bewegung mitschwingend. Ich zog mein T-Shirt bis über die Knie und versuchte, dir zuzuhören, rauchend und bangend. Du hast dir wohl keine Sekunde Gedanken darüber gemacht, aber ich habe die Gefahr mit jeder Faser meines Körpers gespürt. Dieses große, verletzliche, zarte Stück Fleisch, völlig schutzlos, immer wieder blitzte es vor mir auf, verbrüht, versengt, verbrannt. Ich habe mich nicht getraut etwas zu sagen, dich nur voller grausig gespannter Erwartung beobachtet, mit angehaltenem Atem.

Und dann, ich zögerte, während ich die Worte bereits leise auf meinen Lippen jonglierte, dann habe ich es tatsächlich ausgesprochen.

Du hast mich völlig falsch verstanden. Vielleicht wolltest du mich aber auch absichtlich falsch verstehen. Wahrscheinlich ist es das. Damit du jegliche Nähe wegschieben und als eine Illusion abtun konntest, in der nur ich geschwebt war. Als hättest du einen Stecker gezogen und dein Nacktsein und meine Beobachterrolle, das war ja gar nicht wahr und nicht passiert und ich nahm das einfach hin und sagte nichts mehr. Dann war alles Feierliche, alles Neue zwischen uns, dahin. Jedes Aufblitzen einer kleinen Intimität war fragil. Ich wusste, in diesem Koloss steckt ein Reh. Jetzt war es wieder in den Wald gehuscht.

Wie es sich wohl anfühlt, du zu sein?

Und trotzdem, als wir danach im Auto saßen, lag plötzlich deine Hand auf meinem Schenkel. Am helllichten Tag und ich hab sie dort mit sanftem Druck festgehalten. Natürlich haben wir uns dabei nicht in die Augen gesehen. Auch danach nicht, am Bahnhof, wo es lange kalt war und wir ganz still waren. Und während um uns herum Menschen lachten, Züge einfuhren, Durchsagen schallten, hielten wir uns einfach nur fest, dicht aneinandergedrängt und bestimmt. Der Blick hätte dem Gefühl nicht standgehalten. Aber am Ende ist er dann doch kurz durchgesickert. Die Türen öffneten sich schon. Ein Kuss, der erste vor Publikum. Der Rausch. Augen, die sich schließen. Ein zweiter Kuss. Ich hatte meinen Kopf schon zurückgezogen, doch deine Augen waren noch geschlossen und deine Lippen hingen leicht geöffnet und erwartungsvoll zwischen uns. Dann beugte auch ich mich wieder herab und merkte gar nicht, wie schutzlos ich über deiner heißen Glut baumelte.